Scham und Schuld und Essen

Hunger, der nie gestillt ist. In mich hineinstopfen, was ich vorfinde. Erst satt sein, wenn der Bauch vor lauter Fülle schmerzt. Haltloses, gieriges Zugreifen, wenn Essbares in der Nähe ist – geradezu wie eine Motte, die nichts dagegen machen kann, immer dahin zu fliegen, wo Licht brennt. Die Glühbirne zu umschwirren, in sie hineinkriechen zu wollen, nicht von ihr lassen zu können, sich die Flügel zu verbrennen.

Ich bin keine Motte, ich suche nicht das Licht. Ich bin (war) essgestört, und wenn ich die Kontrolle verliere, esse (aß) ich wahllos. Stopfte Lebensmittel in mich hinein. Suchte keine Rettung, empfand keinen Appetit, nur Gier. Fühlte eine Leere, die lange unbeschreiblich war. Die keinen Namen hatte, nicht einmal eine Bedeutung. Die nur da war und Materie verlangte, wie ein Schwarzes Loch. Ja! Schwarzes Loch trifft es gut. Besser als die tumbe Motte.

Und so griff ich nach dem Brotlaib, schnitt Scheibe um Scheibe ab. Vier, fünf, ich zählte nicht. Schnappte mir den Aufschnitt, legte alles auf – über die Butter, den Frischkäse, was in der Vorratsdose war. Musste nicht zusammen passen oder schmecken, musste nur viel sein. Senf darauf, Tomatenmark.

Kauen wird überbewertet, in großen Stücken schluckte ich, schlang ich. Nahm mir dann die Joghurts vor, 500 Gramm-Becher. Atmete den Inhalt ein, manchmal ohne Löffel. Goss die weiche Masse in meinen Mund, der zum Schlund mutiert war. Schluckte ohne Geräusch wie durch einen Trichter, durch den leise rutschte, was hineingefüllt wurde.

Hätte dann schon lange satt sein müssen. Spürte aber nichts. Erst der Schmerz des Magens brüllte, dass ich stoppen solle. Als wenn Ziegelsteine in ihm lagen, so weh tat er. Aber es ist immer noch Leere da!, rief ich durch den Trichter hinunter. Dann: Warte! Habe eine Idee! Und erleichterte mich auf der Toilette. Nun ist wieder Platz – für die Reste vom Mittagessen, die eigentlich das Abendbrot sein sollten. Nochmal erwärmen? Muss nicht sein. Geht nicht ums schmecken. Geht ums Füllen. Diese Leere ist bodenlos.

Irgendwann hing ich erschlafft und erschöpft in den Kissen des Sofas. Es endete, was nicht sein durfte, was unerhört ist, nach unbestimmter Zeit. Manchmal eine halbe Stunde, manchmal länger. Worüber man nicht spricht. Was eklig ist und doch Alltag.

Einen Satz höre ich aus dieser Zeit immer wieder: „Kinder in Afrika hungern, während wir zu viel zu essen haben, also iss auf!“ Er ist so dumm, doch ich schämte mich. Wie ich mich oft geschämt habe für Fehlverhalten. Fühlte mich schuldig. Wie ich mich oft schuldig gefühlt habe, wenn ich Erwartungen nicht erfüllte. Nicht wegen der Kinder in Afrika. Die kamen an den Kühlschrank zuhause ja nicht ran. Wegen meiner Mutter, die mich nicht richtig fand. Fand mich zugleich clever, weil ich wusste, wie ich dem Druck nachgeben kann.

Sollte immer sittsamer sein, als ich war. Aufessen, aber nicht zu schnell. Keinen Nachschlag, sonst wirst du zu dick! Gabel in die rechte Hand, Messer in die linke – auch wenn ich es andersrum lieber mochte (und mag). Und still sein. Bei Tisch sprach man nicht. Auch wenn die Erwachsenen ständig redeten.

Bin wohl oft zu wild gewesen. War wohl oft zu burschikos. Sollte eigentlich ein Junge werden. Noch eine Enttäuschung für meine Mutter. Hatte (und habe) eine große Klappe. War eben ein wildes Mädchen mit großer Klappe. Mochte trotzdem Barbies.

Habe nach vielen Jahrzehnten Scham und Schuld gelernt, auszudrücken, was ich fühle. Ein großer Schritt. Wenn ich die Leere heute spüre, forsche ich nach, was sie ausgelöst hat. Und keine falschen Glaubenssätze mehr. Das Essen schmeckt.

©kerstenartus Das Bild entstand nach meiner stationären Therapie.

Fisch – nicht nur freitags

Ich esse viel zu wenig Fisch. Leider war es bei uns früher zuhause nicht üblich, dass das Wassertier regelmäßig auf dem Speiseplan stand. Von Fischstäbchen mal abgesehen. Ich vermute mal, das lag daran, dass es in unserem EDEKA-Laden keinen Frischfisch zu kaufen gab. Gingen wir ins Restaurant, bestellten wir schon mal Forelle oder Seezunge. Meiner Mutter war es wichtig, dass wir Kinder einen Fisch fachgerecht bei Tisch zerlegen konnten.

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Meine sehr persönlichen Erfahrungen mit Alkohol und Alkoholismus

Schwieriges Thema. Aber notwendig, dass ich darüber auf diesem Blog etwas schreibe. Denn wer viel trinkt, isst auch viel. Hunger und Appetit werden nicht mehr durch das natürliche körperliche Bedürfnis Hunger gesteuert. Sondern durch das alkohlische Getränk, bzw. das darin enthaltene Ethanol. Alkohol hat viele Kalorien und macht dick ( -> Kalorientabelle Alkoholische Getränke) und ist Krebs erregend. Männern wachsen Brüste, Frauen Bäuche. Typische Krebserkrankungen durch Alkohol sind im Mund-/Rachen-Magen- und im Darmbereich. Alkoholismus ist nochmal ein spezielles Thema. Auch für mich: Meine Mutter war Alkoholikerin. Und starb vermutlich an den Folgen.
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Heißhunger auf Gebratenes

Kennen Sie das: Aus irgendeinem unerfindlichem Grund bekommen Sie mit einem Mal Appetit auf etwas Gebratenes. Steak! Bratkartoffeln! Pommes! Und zwar sofort. Prima, wenn in der Nähe eine Pommesbude ist, wo die Gaumenlust befriedigt werden kann. Pech, weil es sich dabei um viel zu salzige und fettige Nahrung handelt, möglichst noch als Großportion. Wer großen Appetit hat, isst nämlich auch mehr. Ihr Gedächtnis merkt sich: Großer Appetit = große Portion – und gibt sich am nächsten Tag auf keinen Fall mit weniger zufrieden. Fazit: Wir denken eben doch schlichter, als wir es wahrhaben möchten. Zumindest beim Essen. Was ist die Alternative? Hier (m)ein Vorschlag. Weiterlesen „Heißhunger auf Gebratenes“

Bauch, Beine, Busen, Po

Ob Sie es wollen oder nicht: Wenn Sie in einen großen Spiegel schauen, der Sie in Gänze abbildet, sehen Sie mit aller Wahrscheinlichkeit nicht die gesamte Person. Sie schauen vielmehr auf drei, vier Körperregionen: Ihren Bauch. Ihre Brüste. Ihre Beine (insbesondere Oberschenkel) – viele Frauen* machen zudem dann noch eine halbe Wendung und betrachten aus einer schräg-von-oben-Perspektive und schauen, fixieren – ihren Po. So weit, so schlecht. Es ist nämlich so: Niemand auf der ganzen Welt sieht Sie so an, wie Sie sich ansehen. Man kann auch getrost sagen: Ihr Spiegelbild lügt – Sie sehen niemals so aus, wie Sie sich auf diese Art und Weise ansehen. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Spruch: Ich will mich selbst schön finden. Ich habe schon früher über diese Selbstlüge gelacht. Weiterlesen „Bauch, Beine, Busen, Po“